Hashimoto und Gewicht: Warum L-Thyroxin nicht bei allen gleich wirkt

Zwei Frauen bekommen dieselbe Diagnose, Hashimoto-Thyreoiditis, und dieselbe Tablette, L-Thyroxin. Die eine bleibt schlank und merkt kaum etwas. Die andere legt über Monate zu, obwohl sich an ihrem Essen nichts geändert hat, und bekommt die Kilos trotz Diät nicht mehr herunter. Ihr TSH-Wert, der wichtigste Kontrollwert der Schilddrüse, ist bei beiden gut eingestellt. Warum also der Unterschied?
Das Wichtigste in Kürze
Mit * gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links (Werbung). Kaufen Sie darüber ein, erhalten wir eine Provision, der Preis ändert sich für Sie nicht.
Macht L-Thyroxin dick oder die Unterfunktion?
Evidenz: moderat
Diese Sorge hört man in Praxen und Foren oft, doch sie stellt die Reihenfolge auf den Kopf. L-Thyroxin ist das körpereigene Hormon Thyroxin (T4) in Tablettenform. Es ersetzt, was die entzündete Schilddrüse nicht mehr genug herstellt. Zunehmen tun die meisten Betroffenen in der Phase davor, wenn die Unterfunktion noch nicht behandelt ist: Der Stoffwechsel läuft langsamer, der Körper lagert Wasser und sogenannte Glykosaminoglykane ein, und die Waage steigt. Ein Teil dieser Zunahme ist gar kein Fett. Eine ältere Untersuchung zeigte, dass der Gewichtsverlust nach Behandlungsbeginn vor allem auf die Ausscheidung von überschüssigem Körperwasser zurückgeht, nicht auf Fettabbau [7].
Unter passend dosiertem L-Thyroxin kehrt sich der Trend bei vielen um. In einer retrospektiven Studie aus 2024 mit 138 Frauen mit Adipositas, davon 69 mit Hashimoto unter L-Thyroxin und 69 schilddrüsengesunde Kontrollen, nahmen beide Gruppen mit demselben Abnehmprogramm gleich gut ab. Die Hashimoto-Gruppe verlor im Median 5,1 Prozent ihres Ausgangsgewichts, die Kontrollgruppe 4,8 Prozent, statistisch kein Unterschied [2]. Die Botschaft dahinter: Wer gut eingestellt ist, kann grundsätzlich normal abnehmen. Das Medikament ist nicht der Bremsklotz.
Warum die Kilos bei manchen trotzdem bleiben
Evidenz: moderat
Und doch stimmt die Erfahrung vieler Betroffener, dass es schwerer geht. Dafür gibt es einen messbaren Grund. In derselben Studie hatten die Hashimoto-Frauen niedrigere freie-T3-Werte und ein niedrigeres T3-zu-T4-Verhältnis als die Gesunden, obwohl alle Werte im Normbereich lagen [2]. T3 ist die aktive Form des Schilddrüsenhormons, die den Zellstoffwechsel antreibt. Ein normaler TSH-Wert heißt also nicht zwangsläufig, dass auf Zellebene genauso viel aktives Hormon ankommt wie bei einem gesunden Menschen.
Am deutlichsten zeigt das eine Arbeit aus 2020: Bei 649 Frauen mit Adipositas, darunter 85 mit gut eingestelltem Hashimoto, lag der Ruheenergieumsatz der behandelten Schilddrüsengruppe rund 6 Prozent niedriger als bei den Frauen ohne Schilddrüsenerkrankung, trotz normalem TSH [6]. Sechs Prozent klingen wenig, entsprechen aber über den Tag mehreren Dutzend Kilokalorien, die sich über Monate summieren. Bei einem Teil der Patientinnen korrigiert die Standardtherapie die Stoffwechseldrosselung also nicht vollständig. Das erklärt, warum manche mehr Disziplin brauchen, um dasselbe Ergebnis zu erreichen.
Die Genetik der Umwandlung: das DIO2-Gen
Evidenz: Hinweise
Hier wird es persönlich, denn nicht jeder Körper wandelt T4 gleich gut in T3 um. Verantwortlich dafür ist unter anderem das Enzym Deiodinase Typ 2, das in Gehirn, Muskel und Fettgewebe aus T4 das aktive T3 herstellt. Eine häufige Variante des zugehörigen Gens, die Thr92Ala-Variante von DIO2, kommt bei etwa 12 bis 36 Prozent der Menschen vor und arbeitet langsamer.
Eine Studie aus 2017 zeigte, dass Trägerinnen und Träger dieser Variante nach Entfernung der Schilddrüse unter reiner T4-Gabe niedrigere T3-Werte im Blut hatten, das Enzym also tatsächlich weniger aktiv ist [4]. Eine Meta-Analyse aus 2021 fand zudem, dass diese Genvariante mit einem etwas höheren Body-Mass-Index einhergeht (standardisierte Mittelwertdifferenz 0,31; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,01 bis 0,60) [5]. Das ist ein realer, aber kleiner Effekt, und er erklärt nicht jeden Fall. Ein Gentest gehört nicht zur Routine, und aus dem Ergebnis folgt keine Standardtherapie. Er kann aber ein Baustein sein, wenn jemand trotz guter Werte anhaltend Beschwerden hat.
T4, T3 und die Umwandlung im Körper
Um die Rolle der Nährstoffe zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf die Biochemie. Die Schilddrüse gibt überwiegend T4 ab, ein Speicher- und Transporthormon mit vier Jodatomen. Aktiv wird es erst, wenn ein Jodatom abgespalten wird und T3 entsteht. Diese Abspaltung erledigen die Deiodinasen, drei eng verwandte Enzyme. Alle drei sind Selenoproteine, sie tragen also das Spurenelement Selen fest in ihrer Struktur. Ohne Selen kein funktionierendes Enzym. Läuft die Umwandlung schlecht, kann außerdem vermehrt das inaktive Reverse-T3 entstehen, eine Art Sackgassen-Form ohne Wirkung.
Genau an diesem Umwandlungsschritt setzt die Frage nach den Nährstoffen an. Wenn dem Körper Bausteine fehlen, die die Enzyme brauchen, kann die Umwandlung ins Stocken geraten, obwohl genug T4 aus der Tablette vorhanden ist.
Die wichtigsten Cofaktoren für die T4-zu-T3-Umwandlung
Vorab eine ehrliche Einordnung, weil im Netz viel versprochen wird: Nährstoffe wirken dann, wenn ein Mangel besteht, den man behebt. Ein Präparat obendrauf zu nehmen, während die Speicher voll sind, bringt nichts und kann bei einigen Stoffen schaden. Wer supplementieren möchte, sollte die Werte vorher bestimmen lassen.
Selen
Evidenz: stark belegt
Das Label bezieht sich auf die Antikörper, nicht auf das Gewicht. Selen ist der wichtigste Cofaktor, weil die Deiodinasen ohne es nicht funktionieren. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus 2024 fasste 35 Studien zusammen und fand unter Selengabe deutlich sinkende TPO-Antikörper (standardisierte Mittelwertdifferenz minus 0,96; 29 Auswertungen, 2358 Teilnehmende) sowie leicht sinkendes TSH bei Patienten ohne Hormonersatz (minus 0,21; 7 Auswertungen, 869 Teilnehmende) [3]. Weniger Antikörper bedeuten eine ruhigere Entzündung. Dass Selen beim Abnehmen hilft, ist dagegen nicht belegt. Übliche Dosierungen in den Studien lagen bei 100 bis 200 Mikrogramm täglich, meist als Selenomethionin. Dauerhaft deutlich mehr als 200 Mikrogramm sollte man nicht einnehmen, hohe Mengen können schaden. Wer ein Präparat wählt, achtet auf die organische Form Selenomethionin und eine klare Dosisangabe, etwa beim natural elements Selen Komplex* mit je 200 Mikrogramm aus Natriumselenit und Selenomethionin, vegan und ohne unnötige Zusätze.
Zink
Evidenz: Hinweise
Zink ist an der Funktion der Deiodinasen und an der Bindung des T3 an seinen Rezeptor beteiligt. Eine randomisierte Doppelblindstudie aus 2015 mit 68 übergewichtigen Frauen mit Unterfunktion unter L-Thyroxin zeigte, dass sich die freien T3-Werte in den Gruppen mit Zink (30 Milligramm täglich) beziehungsweise Zink plus Selen signifikant verbesserten [8]. Die Studie ist klein, weitere große Belege fehlen. Ein Zinkmangel ist realistisch verbreitet und lässt sich unkompliziert ausgleichen, ein Nutzen ohne Mangel ist aber nicht gesichert. Wer supplementiert, wählt eine gut verträgliche Form wie Zinkbisglycinat, etwa das natural elements Zink 25 mg* als veganes Zink-Chelat ohne unnötige Zusätze.
Eisen und Ferritin
Evidenz: Hinweise
Eisen wird für das Enzym Thyreoperoxidase gebraucht, mit dem die Schilddrüse ihre Hormone überhaupt erst bildet, und ein Mangel scheint die T4-zu-T3-Umwandlung zu bremsen. Ferritin ist der Speicherwert, der einen Eisenmangel früh anzeigt. Gerade Frauen mit Hashimoto haben häufig niedrige Ferritinwerte, unter anderem weil eine oft begleitende Magenschleimhautentzündung die Aufnahme stört. Ein belegter Eisenmangel gehört behandelt, weil er eigene Beschwerden wie Müdigkeit und Haarausfall macht, die man leicht der Schilddrüse zuschreibt. Bei nachgewiesenem Mangel eignet sich ein gut verträgliches Präparat wie der Eisen Komplex mit Vitamin C und Fenchel*, dessen Vitamin C die Eisenaufnahme unterstützt. Wichtig für die Praxis: Eisenpräparate hemmen die Aufnahme von L-Thyroxin. Nehmen Sie beides mit mehreren Stunden Abstand ein, die Tablette morgens nüchtern, das Eisen später am Tag [9].
Vitamin D
Evidenz: Hinweise
Ein Wort zu Jod
Evidenz: moderat
Jod ist Baustein der Schilddrüsenhormone, trotzdem ist mehr hier nicht besser. Bei Hashimoto kann eine hohe Jodzufuhr die Autoimmunreaktion anheizen. Von hochdosierten Jodpräparaten ist ohne ausdrückliche ärztliche Empfehlung abzuraten. Die normale Menge aus Speisesalz und Ernährung ist unbedenklich.
Was noch am Abnehmen hindert und oft übersehen wird
Evidenz: moderat
Bevor man die Schuld allein bei der Schilddrüse sucht, lohnt der Blick auf Faktoren, die häufiger sind, als viele denken. Der erste ist die Dosis selbst. Ein TSH am oberen Rand des Normbereichs gilt formal als normal, kann sich für die Betroffene aber noch nach Unterfunktion anfühlen. Manche fühlen sich erst wohler, wenn der Wert im unteren Normbereich liegt. Gemeint ist damit ein Wert knapp über 0,4 mU/l, nicht ein in den Keller gedrücktes TSH: Unter 0,4 steigt das Risiko für Vorhofflimmern und Knochenschwund. Das ist Sache der ärztlichen Feineinstellung, nicht der Selbstmedikation.
Ein zweiter, unterschätzter Punkt ist die Einnahme: L-Thyroxin wird nur zuverlässig aufgenommen, wenn es nüchtern und mit Abstand zu Kaffee, Kalzium, Eisen und Magnesium geschluckt wird. Welche Wechselwirkungen im Einzelnen belegt sind und wie Sie das im Alltag lösen, steht in Müde und schwerer trotz L-Thyroxin.
Drittens die Begleiterkrankungen. Insulinresistenz, ein polyzystisches Ovarialsyndrom und die Wechseljahre treten bei Frauen mit Hashimoto gehäuft auf und erschweren das Abnehmen unabhängig von der Schilddrüse. Interessanterweise waren die Hashimoto-Frauen in der Studie von 2024 sogar weniger insulinresistent als die Kontrollen [2], was zeigt, dass die Zusammenhänge individuell sind. Schlafmangel, chronischer Stress mit erhöhtem Cortisol und eine über die Zeit unbemerkt gestiegene Kalorienzufuhr komplettieren das Bild. Diese Faktoren sind weniger spektakulär als ein Gendefekt, aber sehr viel häufiger die Antwort.
Was Betroffene online berichten und was davon belegt ist
Evidenz: moderat
In Foren und Selbsthilfegruppen liest man immer wieder denselben Frust: gute Werte, aber Müdigkeit, Kälteempfindlichkeit, Brain Fog und eben Gewicht, das nicht weichen will. Dieses Muster ist kein Einzelfall. Eine große Online-Befragung von Hashimoto-Patienten aus 2018 zeigte eine ausgeprägte Unzufriedenheit mit der reinen L-Thyroxin-Therapie, und Restbeschwerden traten deutlich häufiger auf als bei Schilddrüsengesunden [1]. Der Leidensdruck ist real, nicht eingebildet.
Viele berichten, dass ihnen erst eine Kombination aus T4 und T3 oder ein natürliches Schilddrüsenextrakt geholfen habe. Hier trennt sich subjektive Erfahrung von der Studienlage. Kontrollierte Studien zeigen, dass ein Teil der Patienten die Kombinationstherapie bevorzugt, ein sicherer Vorteil bei Lebensqualität oder Gewicht ließ sich in Meta-Analysen aber nicht durchgängig belegen [10]. Für die Gruppe mit der langsamen DIO2-Variante deutet sich ein möglicher Nutzen an, bewiesen ist er nicht. Eine Kombinationstherapie ist eine ärztliche Einzelfallentscheidung, kein Standard und nichts für den Selbstversuch mit online bestellten Hormonen.
Kurz beantwortet
Nehme ich durch L-Thyroxin zu?
Nein. Die Zunahme entsteht in der unbehandelten Unterfunktion. Unter passender Dosis normalisiert sich das Gewicht bei den meisten wieder, ein Teil der anfänglichen Kilos war eingelagertes Wasser [7].
Ich bin gut eingestellt und nehme trotzdem nicht ab. Woran liegt das?
Prüfen Sie zuerst Einnahme und Dosis, dann Begleitfaktoren wie Insulinresistenz, Wechseljahre, Schlaf und Kalorienzufuhr. Bei einem Teil der Betroffenen ist der Ruheumsatz messbar niedriger [6], das bedeutet mehr Aufwand, aber kein aussichtsloses Unterfangen [2].
Bringt es etwas, Selen und Zink zu nehmen?
Bei nachgewiesenem Mangel ja. Selen kann die Schilddrüsenantikörper senken [3], Zink könnte die T3-Werte verbessern [8]. Ohne Mangel ist der Nutzen fürs Gewicht nicht belegt. Werte vorher bestimmen lassen.
Fazit
Ob jemand schlank bleibt oder zunimmt, hängt selten an einer einzigen Ursache. Das L-Thyroxin ist es fast nie. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel aus der Einstellung, der individuellen Umwandlungsleistung, dem Ruheumsatz und ganz normalen Faktoren wie Alter, Hormonen und Alltag. Der nützlichste nächste Schritt ist unspektakulär: Lassen Sie bei Ihrer nächsten Kontrolle nicht nur das TSH, sondern auch fT3, fT4, Ferritin, Vitamin D und Zink mitbestimmen und besprechen Sie einen nachgewiesenen Mangel gezielt mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Peterson SJ et al. An Online Survey of Hypothyroid Patients Demonstrates Prominent Dissatisfaction. Thyroid. 2018;28(6):707–721. doi.org/10.1089/thy.2017.0681
Efficacy of levothyroxine monotherapy in achieving clinical euthyroidism and its impact on weight loss in women with hypothyroidism and obesity. Sci Rep. 2024;14:26707. doi.org/10.1038/s41598-024-78185-w
Huwiler VV et al. Selenium Supplementation in Patients with Hashimoto Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials. Thyroid. 2024;34(3):295–313. PubMed 38243784
Jo S et al. Reconsidering the Role of DIO2 Thr92Ala. J Clin Endocrinol Metab. 2017;102(5):1623–1630. PubMed 28324063
Wang F et al. The Type 2 Deiodinase Thr92Ala Polymorphism Is Associated with Higher BMI and Fasting Glucose Levels: A Systematic Review and Meta-Analysis. BioMed Res Int. 2021. PubMed 34660805
Muraca E et al. Resting Energy Expenditure in Obese Women with Primary Hypothyroidism and Appropriate Levothyroxine Replacement Therapy. J Clin Endocrinol Metab. 2020;105(4):e1741–e1748. PubMed 32119074
Karmisholt J, Andersen S, Laurberg P. Weight Loss after Therapy of Hypothyroidism Is Mainly Caused by Excretion of Excess Body Water Associated with Myxoedema. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(1):E99–E103. doi.org/10.1210/jc.2010-1521
Mahmoodianfard S et al. Effects of Zinc and Selenium Supplementation on Thyroid Function in Overweight and Obese Hypothyroid Female Patients: A Randomized Double-Blind Controlled Trial. J Am Coll Nutr. 2015;34(5):391–399. PubMed 25758370
Wiesner A, Gajewska D, Pasko P. Levothyroxine Interactions with Food and Dietary Supplements: A Systematic Review. Pharmaceuticals. 2021;14(3):206. doi.org/10.3390/ph14030206
Millan-Alanis JM et al. Benefits and Harms of Levothyroxine/L-Triiodothyronine Versus Levothyroxine Monotherapy for Adult Patients with Hypothyroidism: Systematic Review and Meta-Analysis. Thyroid. 2021;31(11):1613–1625. PubMed 34314260
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Bei Erkrankungen, Medikamenteneinnahme, in Schwangerschaft und Stillzeit besprechen Sie die Einnahme bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Zuletzt geprüft am 25. Juli 2026


Kommentare