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Braunes Fettgewebe aktivieren – was Kälte wirklich bringt

Autorenbild: Ali M Alhasan
Ali M Alhasan
12. Aug.
11 Min. Lesezeit

„Schon 50 Gramm braunes Fettgewebe verbrennen ein Fünftel Ihres Tagesumsatzes.“ Dieser Satz steht in Dutzenden deutschsprachigen Ratgebern, in Werbetexten für Abnehmkapseln und in Interviews. Er stammt aus einer Hochrechnung von 1983, die aus Nagetierdaten abgeleitet wurde, und wurde 2009 in einer einflussreichen Studie im New England Journal of Medicine zitiert [1]. Seither wandert die Zahl von Text zu Text. Direkt am Menschen gemessen wurde sie nie.

Inzwischen gibt es Messungen. Sie ergeben etwas anderes. Und sie führen zu praktischen Empfehlungen, die deutlich weniger spektakulär, aber tatsächlich belegt sind.

Das Wichtigste in Kürze Braunes Fettgewebe verbrennt Energie zu Wärme, statt sie zu speichern. Beim Menschen sitzt es vor allem am Hals und über den Schlüsselbeinen. Nur etwa jeder Zehnte zeigt in Routineaufnahmen aktives braunes Fett. Frauen deutlich häufiger als Männer, Jüngere häufiger als Ältere. Der eigene Kalorienbeitrag des Gewebes liegt bei realistischen Mengen im Bereich von 12 bis 46 Kilokalorien pro Tag, nicht bei mehreren hundert. Kältetraining verbessert in Studien Blutzucker- und Fettwerte. Der Effekt scheint aber weniger vom braunen Fett zu kommen als von der Muskulatur, die dabei leicht zittert. Eisbäder erhöhen den Verbrauch um wenige Kilokalorien. Nach 30 Minuten in 16 °C kaltem Wasser aßen Teilnehmer rund 210 Kilokalorien mehr als nach einer Sitzung bei Zimmertemperatur.

Was braunes Fettgewebe von weißem unterscheidet

Weißes Fettgewebe ist ein Lager. Es nimmt überschüssige Energie auf und gibt sie bei Bedarf wieder ab. Braunes Fettgewebe arbeitet umgekehrt: Seine Zellen enthalten sehr viele Mitochondrien, also Zellkraftwerke, und in deren Innenmembran sitzt ein Protein namens UCP1 (Entkopplerprotein 1). UCP1 lässt Protonen durch die Membran zurückströmen, ohne dass dabei der Energieträger ATP entsteht. Die Energie wird stattdessen als Wärme frei. Die braune Farbe kommt vom hohen Eisengehalt der Mitochondrien.

Beim Säugling ist dieses Gewebe überlebenswichtig, weil er noch nicht zittern kann. Lange galt es beim Erwachsenen als verschwunden. 2009 zeigten drei Arbeitsgruppen unabhängig voneinander, dass es bleibt: als kleine Depots am Hals, über den Schlüsselbeinen, entlang der Wirbelsäule und im Brustraum [1] [4].

Ein Detail wird selten erwähnt. Das, was beim Erwachsenen gefunden wird, entspricht vermutlich nicht dem klassischen braunen Fett des Neugeborenen, sondern sogenannten beigen Zellen, die im weißen Fettgewebe entstehen und sich unter Kältereiz thermogen umprogrammieren [5].

Für die Praxis heißt das: Das Gewebe ist formbar. Es kann zunehmen, und es kann wieder verschwinden.

Wer überhaupt noch aktives braunes Fett hat

Evidenz: stark belegt

Die größte Auswertung dazu kommt vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center. Ein Team wertete 134.529 PET-CT-Aufnahmen von 52.487 Patientinnen und Patienten aus, die zwischen 2009 und 2018 aus onkologischen Gründen angefertigt worden waren, ohne vorherige Kältereizung [3].

Braunes Fett war bei 9,7 Prozent der Patienten dokumentiert. Bei Frauen mit 13,8 Prozent fast dreimal so häufig wie bei Männern mit 4,9 Prozent. Die Häufigkeit sank kontinuierlich mit dem Alter, mit steigendem BMI und mit wärmerer Außentemperatur im Monat der Aufnahme. Am häufigsten fand sich Aktivität über den Schlüsselbeinen und am Hals.

Interessant ist der Vergleich der Krankheitshäufigkeiten. Die Forschenden bildeten mithilfe eines statistischen Matchings zwei nach Alter, Geschlecht, BMI und Außentemperatur vergleichbare Gruppen: 5.070 Personen mit und 9.853 ohne braunes Fett.

In der Gruppe mit braunem Fett hatten 4,6 Prozent einen Typ-2-Diabetes, in der Gruppe ohne 9,5 Prozent. Bei Bluthochdruck standen 26,7 gegen 30,7 Prozent, bei koronarer Herzkrankheit 3,1 gegen 4,9 Prozent, bei Herzinsuffizienz 1,0 gegen 2,0 Prozent. Bei Menschen mit einem BMI über 30 war der Unterschied am größten: 7,5 gegen 20,3 Prozent Diabetes.

Das klingt eindrucksvoll, beweist aber keine Ursache. Es handelt sich um eine Momentaufnahme bei Krebspatienten. Zwei Befunde derselben Arbeit zeigen, wie leicht sich hier Zusammenhänge verwechseln lassen: Betablocker waren deutlich mit weniger nachweisbarem braunem Fett verbunden, Statine ebenfalls. Wer diese Medikamente nimmt, ist im Schnitt herzkranker. Ob das braune Fett schützt oder ob gesündere Menschen einfach mehr davon behalten, ist damit offen.

Woher die 20-Prozent-Behauptung stammt

Evidenz: moderat

Hier wird es unbequem für die Abnehmerzählung. Zwei kanadische Stoffwechselforscher haben 2023 im Journal of Clinical Investigation zusammengerechnet, was das Gewebe beim Menschen leisten kann [2].

Die Ausgangszahl: Bei akuter Kälte lässt sich im PET typischerweise ein Volumen von 50 bis 150 Millilitern aktivem braunem Fett darstellen. Nach zehn Tagen bis vier Wochen konsequenter Kälteanpassung kommen etwa 40 Prozent hinzu.

Rechnet man den gemessenen Sauerstoffverbrauch dieses Gewebes hoch, ergeben sich für 150 Milliliter rund 12 Kilokalorien pro Tag. Für ein optimistisch angenommenes Volumen von 550 Millilitern etwa 46 Kilokalorien. Erst bei 2.550 Millilitern, einer Menge, die praktisch niemand metabolisch aktiv hat, wären es 211 Kilokalorien.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die UCP1-vermittelte Wärmebildung im braunen Fett weniger als drei Prozent der gesamten kältebedingten Wärmeproduktion des Körpers ausmacht. Den Rest liefert die Skelettmuskulatur: durch Zittern und durch Wärmebildung ohne sichtbares Zittern.

46 Kilokalorien sind nicht nichts. Über ein Jahr wären das theoretisch etwa zwei Kilogramm Fettgewebe. Aber es ist eine andere Größenordnung als ein Fünftel des Grundumsatzes, und es setzt voraus, dass der Körper diese Lücke nicht durch mehr Appetit ausgleicht. Genau das tut er, wie weiter unten deutlich wird.

Was Kältetraining in Studien bewirkt hat

Evidenz: moderat

Die vielzitierte japanische Untersuchung zum Thema ist bis heute die einzige, die Fettmasse als Ergebnis mitgemessen hat. 51 gesunde junge Männer wurden untersucht; bei 52,9 Prozent zeigte sich nach zwei Stunden bei 19 °C aktives braunes Fett. Zwölf Männer mit wenig oder keinem nachweisbaren braunen Fett saßen dann sechs Wochen lang täglich zwei Stunden bei 17 °C, zehn weitere lebten unverändert weiter [5].

Die kältebedingte Wärmeproduktion der Kältegruppe stieg von 108 auf 289 Kilokalorien pro Tag. Die Fettmasse sank um 0,70 Kilogramm, in der Kontrollgruppe stieg sie um 0,03 Kilogramm. Das Körpergewicht änderte sich nicht.

Zwölf Teilnehmer, sechs Wochen, kein Placebo, keine Verblindung: Das ist ein Hinweis, keine Therapieempfehlung. Und zwei Stunden täglich in einem 17 °C kalten Raum wird kaum jemand freiwillig über Jahre durchhalten.

Deutlich robuster ist die Befundlage zum Blutzuckerstoffwechsel, und dort verläuft die Spur überraschend.


Der Punkt, an dem Zittern ins Spiel kommt

Eine Maastrichter Gruppe setzte acht Männer mit Typ-2-Diabetes zehn Tage lang einer Umgebung von 14 bis 15 °C aus. Die Insulinempfindlichkeit der Peripherie stieg um rund 43 Prozent, ein Effekt in der Größenordnung eines mehrmonatigen Trainingsprogramms. Die Ursache lag jedoch nicht im braunen Fett, dessen Glukoseaufnahme nur minimal zunahm, sondern im Muskel: Der Zuckertransporter GLUT4 wanderte verstärkt in die Zellmembran [7].

2021 wiederholte dieselbe Gruppe den Versuch mit einer einzigen Änderung. Die Temperatur lag mit 16 bis 17 °C etwa 1,4 Grad höher, und sobald jemand zu zittern begann, bekam er zusätzliche Kleidung. Neun Patienten, zehn Tage, bis zu sechs Stunden täglich.

Ergebnis: keine Verbesserung der Insulinempfindlichkeit, keine Veränderung von Glukose- oder Fettwerten nach dem Essen, keine Veränderung des Leberfetts. Nur der Energieverbrauch nach Mahlzeiten stieg leicht und ein Marker der Gefäßsteifigkeit verbesserte sich [8].

Die Fortsetzung erschien Ende 2024 in Nature Metabolism. 15 Männer und Frauen nach der Menopause mit Übergewicht oder Adipositas, überwiegend mit gestörter Glukosetoleranz, wurden zehn Tage lang so gekühlt, dass sie täglich etwa eine Stunde zitterten. Danach hatten sich der orale Glukosetoleranztest, der Nüchternblutzucker, die Triglyzeride, die freien Fettsäuren und der Blutdruck verbessert [9]. Auch das war eine einarmige Studie ohne Kontrollgruppe.

Zusammengenommen ergibt das ein Bild, das der Abnehmerzählung widerspricht: Die stoffwechselgesunden Effekte von Kälte entstehen offenbar überwiegend im Muskel, und ein wenig Muskelaktivität scheint dafür nötig zu sein. Eine vierwöchige Kälteanpassung verlagert die Wärmeproduktion zwar zunehmend vom Muskel ins braune Fett [10]. Nur wird sie dadurch nicht wirksamer, sondern angenehmer.

Eisbad, kalte Dusche und die Rechnung danach

Evidenz: Hinweise

Eistonnen sind ein Massenmarkt geworden. Für das braune Fettgewebe ist die Datenlage dazu erstaunlich dünn, und die vorhandene ist unbequem.

Eine britische Arbeitsgruppe ließ 15 gesunde Erwachsene im Wechsel dreimal 30 Minuten sitzen: bis zur Brust in 16 °C kaltem Wasser, in 35 °C warmem Wasser oder in einem 26 °C warmen Raum. Danach gab es eine Nudelmahlzeit zum Essen bis zur angenehmen Sättigung.

Nach dem Kaltwasserbad nahmen die Teilnehmer 2.783 Kilojoule auf, nach dem Warmwasserbad 1.817 und nach der Sitzung im Raum 1.894 Kilojoule [12]. Das sind rund 210 Kilokalorien mehr als in der Kontrollbedingung. Die Mehraufnahme übersteigt den Mehrverbrauch; es entsteht eine positive Energiebilanz.

Bemerkenswert: Die Teilnehmer gaben nicht an, hungriger zu sein. Sie aßen einfach mehr. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang mit dem Nachsinken der Körperkerntemperatur, das in den 15 Minuten nach dem Ausstieg messbar war.

Zum Gesundheitsnutzen von Kaltwasserimmersion gibt es einen systematischen Review mit Meta-Analyse aus dem Jahr 2025: elf randomisierte Studien, 3.177 Teilnehmende, Wassertemperaturen von 7 bis 15 °C, Dauer von 30 Sekunden bis zwei Stunden [13].

Entzündungsmarker stiegen unmittelbar danach an, die Immunfunktion änderte sich nicht messbar, Stress war nach zwölf Stunden reduziert, Schlafqualität und Lebensqualität verbesserten sich in der beschreibenden Auswertung, die Stimmung nicht. Braunes Fettgewebe war in keiner dieser Studien ein Endpunkt.

Wenn Sie kalt duschen, weil es Ihnen den Tag verbessert: gute Gründe. Als Abnehmstrategie trägt es nicht.

Chili, Kapseln und die Grenzen des Sports

Evidenz: schwach

Capsaicin aus Chili und die nicht scharfen Capsinoide reizen dieselben Rezeptoren wie Kälte. Eine Meta-Analyse aus 13 placebokontrollierten Studien fand einen konsistenten Anstieg des Ruheenergieverbrauchs um 33,99 Kilokalorien pro Tag (95-Prozent-Konfidenzintervall 15,95 bis 52,03), ohne Heterogenität zwischen den Studien [15].

Eine zweite Meta-Analyse untersuchte, was daraus wird: 13 Studien, 838 Teilnehmende, Endpunkte Körpergewicht, BMI, Taillenumfang, Fettmasse, fettfreie Masse, viszerales Fett und Körperfettanteil. Kein einziger Wert veränderte sich signifikant [16]. Rund 34 Kilokalorien mehr Verbrauch pro Tag verschwinden in der täglichen Schwankung von Appetit und Bewegung.

Zur Offenlegung, weil sie in kaum einem Text auftaucht: Der Capsinoid-Arm der oft zitierten japanischen Studie [5] wurde mit einem Präparat durchgeführt, an dessen Entwicklung ein Mitautor aus der Forschungsabteilung eines Lebensmittelkonzerns beteiligt war. Die Arbeit erklärt keinen Interessenkonflikt. Das entwertet die Daten nicht, gehört aber in die Bewertung.

Von Kapseln, die mit „braunem Fettgewebe“ oder „BAT-Aktivierung“ beworben werden, ist derzeit keine mit belegter Wirkung auf die Körperzusammensetzung bekannt. Für die häufig beigemischten Extrakte fehlen belastbare Humandaten. Nach der europäischen Health-Claims-Verordnung dürften solche Aussagen ohne Zulassung ohnehin nicht getroffen werden.

Und Sport? In der bislang größten Untersuchung dazu trainierten 145 junge, zuvor inaktive Erwachsene 24 Wochen lang unter Aufsicht Ausdauer und Kraft, aufgeteilt in eine Kontrollgruppe und zwei Intensitätsgruppen. Volumen und Aktivität des braunen Fettgewebes veränderten sich nicht [17]. In einer älteren Untersuchung hatten Ausdauertrainierte sogar geringere Aktivität als schlanke Untrainierte [18]. Sport wirkt auf den Stoffwechsel, nur nicht über diesen Weg.

Was Ihre Mahlzeit damit zu tun hat

Evidenz: Hinweise

Ein finnisch-deutsches Team zeigte 2018 mit Sauerstoff-PET, dass eine kohlenhydratreiche Mahlzeit den Sauerstoffverbrauch im braunen Fettgewebe in derselben Größenordnung steigert wie ein Kältereiz [19]. Wärmebildung nach dem Essen ist also nicht nur Verdauungsarbeit.

Eine japanische Untersuchung verglich anschließend drei kaloriengleiche Mahlzeiten. Zwei Stunden nach dem Essen lag die nahrungsinduzierte Wärmebildung bei der eiweißreichen Mahlzeit bei 6,44 Prozent der zugeführten Energie, bei der kohlenhydratreichen bei 3,49 Prozent und bei der fettreichen bei 2,32 Prozent. Nur bei der kohlenhydratreichen Mahlzeit hing die Wärmebildung mit der Aktivität des braunen Fettgewebes zusammen; bei Personen mit hoher Aktivität war sie etwa doppelt so hoch wie bei Personen mit geringer [20].

Die praktische Pointe ist unspektakulär und trotzdem nützlich: Eiweiß erzeugt die meiste Wärme, hat damit aber am wenigsten mit braunem Fett zu tun. Der thermische Effekt von Protein entsteht in der Leber und im Stoffwechsel der Aminosäuren. Eine eiweißreiche Mahlzeit lohnt sich, nur nicht aus dem Grund, der oft genannt wird.

Was davon im Alltag übrig bleibt

Fünf Maßnahmen lassen sich aus der Studienlage ableiten, ohne dass etwas hinzuerfunden werden muss.

Maßnahme

Was Studien zeigen

Evidenz

Raumtemperatur im Winter auf 17–19 °C senken, dünner kleiden

Wiederholte milde Kälte erhöht braunes Fett und die Wärmebildung; die Anpassung geht innerhalb von zehn Tagen bis sechs Wochen [5] [6]

moderat

Kühl schlafen, etwa 19 °C

Bei fünf Männern nahm braunes Fett nach einem Monat bei 19 °C zu und bei 27 °C wieder ab; die Insulinempfindlichkeit nach dem Essen verbesserte sich nur nach dem kühlen Monat [11]

Hinweise

Im Winter täglich raus, ohne sich vollständig einzupacken

Die Häufigkeit des Gewebes hängt eng mit der Außentemperatur zusammen [3]

moderat

Kältereiz bis zum leichten Zittern, etwa 1 Stunde täglich über 10 Tage

Verbesserte Glukosetoleranz, Nüchternblutzucker, Triglyzeride und Blutdruck; ohne Zittern kein Effekt [8] [9]

Hinweise

Eiweiß in die Hauptmahlzeiten

Höchste nahrungsinduzierte Wärmebildung aller Makronährstoffe [20]

stark belegt

Zwei Dinge, die nicht auf der Liste stehen, weil die Daten sie nicht tragen: Eistonnen als Abnehmhilfe und Kapseln jeder Art.

Und eine Einordnung, die ich für ehrlich halte: Der überzeugendste Nutzen von Kältegewöhnung liegt nicht auf der Waage, sondern bei Blutzucker, Blutfetten und Blutdruck. Die dafür nötige Dosis liegt bei täglich mehreren Stunden Kühle oder einer Stunde leichten Zitterns über mindestens zehn Tage. Wer das nicht in seinen Alltag bringt, verliert wenig. Wer eine Wohnung im Winter von 23 auf 19 Grad herunterdreht, spart Heizkosten und bekommt einen bescheidenen Stoffwechselnutzen dazu.

Wann Kälte gefährlich werden kann

Der Eintritt in kaltes Wasser löst zwei starke, entgegengesetzte Reflexe gleichzeitig aus. Die Haut meldet Kälte und treibt Herzfrequenz und Blutdruck hoch, das Gesicht im Wasser löst über den Tauchreflex eine Verlangsamung aus. Diese Gleichzeitigkeit wird als autonomer Konflikt beschrieben und kann Herzrhythmusstörungen auslösen, in ungünstigen Fällen auch bei Gesunden [14]. Die riskanteste Phase sind die ersten Sekunden, besonders nach Luftanhalten.

Kälteanwendungen gehören vorher ärztlich abgeklärt bei Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit, Herzschwäche, schlecht eingestelltem Bluthochdruck, in der Schwangerschaft, bei Raynaud-Syndrom, Kälteurtikaria und im höheren Alter. Steigen Sie nie allein in kaltes Wasser. Beginnen Sie mit kurzen Reizen und ohne Untertauchen des Kopfes.

Wenn Sie ohnehin einen Betablocker nehmen, kann die Kältereaktion verändert sein. Das ist kein Verbot, aber ein Grund, es in der Praxis anzusprechen.

Kurz beantwortet


Kann ich messen lassen, wie viel braunes Fett ich habe

Praktisch nicht. Der Nachweis erfolgt über PET-CT mit radioaktiv markiertem Zucker nach einem standardisierten Kältereiz. Das bedeutet Strahlenbelastung und ist außerhalb von Studien nicht gerechtfertigt. Angebote, die braunes Fett per Thermografie oder Bioimpedanz „bestimmen“, messen etwas anderes.


Verliere ich braunes Fett im Sommer

Ja, und das ist normal. In der PET-Auswertung war die Häufigkeit im Winter am höchsten und sank mit steigender Außentemperatur [3]. In der Vier-Monats-Untersuchung nahm das Gewebe nach einem Monat bei 27 °C wieder ab [11]. Der Auf- und Abbau ist reversibel.


Ist Mirabegron eine Option

Nein, außerhalb von Studien nicht. Der Beta-3-Agonist ist in Deutschland zur Behandlung der überaktiven Blase zugelassen. In einer offenen Untersuchung an 14 gesunden Frauen erhöhten 100 Milligramm täglich über vier Wochen die Aktivität des braunen Fettgewebes, den Ruheumsatz, das HDL-Cholesterin und die Insulinempfindlichkeit; das Gewicht änderte sich nicht [21]. Die verwendete Dosis lag doppelt so hoch wie die zugelassene, und ein Teil der Teilnehmerinnen berichtete Herz-Kreislauf-Beschwerden und Kopfschmerzen. Eine Anwendung zur Gewichtsabnahme ist nicht zugelassen und nicht sinnvoll.

Fazit

Braunes Fettgewebe ist echte Physiologie, kein Mythos. Aber es ist auch kein verborgener Ofen, den man mit der richtigen Kapsel oder einer Eistonne anzündet. Die eigene Wärmeleistung des Gewebes liegt bei realistischen Mengen im Bereich weniger Dutzend Kilokalorien pro Tag, und der Körper gleicht solche Lücken zuverlässig über den Appetit aus. Wo Kälte messbar hilft, geht der Effekt überwiegend auf die Muskulatur zurück, und zwar dann, wenn sie tatsächlich arbeitet.

Wenn Sie eine Sache mitnehmen: Drehen Sie die Heizung im Winter zwei bis vier Grad herunter und ziehen Sie sich drinnen dünner an, für ein paar Wochen. Das ist der einzige Vorschlag in diesem Text, der nichts kostet, nichts verspricht, was er nicht halten kann, und dem die Studienlage nicht widerspricht.

Wer einen Typ-2-Diabetes, Prädiabetes oder auffällige Blutfette hat, sollte Kältetraining nicht anstelle der etablierten Behandlung ausprobieren, sondern beim nächsten Termin fragen, ob es dazupasst.

  1. Cypess AM et al. Identification and importance of brown adipose tissue in adult humans. N Engl J Med. 2009;360:1509–17. doi:10.1056/NEJMoa0810780

  2. Carpentier AC, Blondin DP. Human brown adipose tissue is not enough to combat cardiometabolic diseases. J Clin Invest. 2023;133:e175288. doi:10.1172/JCI175288

  3. Becher T et al. Brown adipose tissue is associated with cardiometabolic health. Nat Med. 2021;27:58–65. doi:10.1038/s41591-020-1126-7

  4. van Marken Lichtenbelt WD et al. Cold-activated brown adipose tissue in healthy men. N Engl J Med. 2009;360:1500–8. doi:10.1056/NEJMoa0808718

  5. Yoneshiro T et al. Recruited brown adipose tissue as an antiobesity agent in humans. J Clin Invest. 2013;123:3404–8. doi:10.1172/JCI67803

  6. van der Lans AAJJ et al. Cold acclimation recruits human brown fat and increases nonshivering thermogenesis. J Clin Invest. 2013;123:3395–403. doi:10.1172/JCI68993

  7. Hanssen MJW et al. Short-term cold acclimation improves insulin sensitivity in patients with type 2 diabetes mellitus. Nat Med. 2015;21:863–5. doi:10.1038/nm.3891

  8. Remie CME et al. Metabolic responses to mild cold acclimation in type 2 diabetes patients. Nat Commun. 2021;12:1516. doi:10.1038/s41467-021-21813-0

  9. Sellers AJ, van Beek SMM et al. Cold acclimation with shivering improves metabolic health in adults with overweight or obesity. Nat Metab. 2024;6:2246–53. doi:10.1038/s42255-024-01172-y

  10. Blondin DP et al. Four-week cold acclimation in adult humans shifts uncoupling thermogenesis from skeletal muscles to brown adipose tissue. J Physiol. 2017;595:2099–113. doi:10.1113/JP273395

  11. Lee P et al. Temperature-acclimated brown adipose tissue modulates insulin sensitivity in humans. Diabetes. 2014;63:3686–98. doi:10.2337/db14-0513

  12. Grigg MJ et al. Effects of cold-water immersion on energy expenditure, ad-libitum energy intake and appetite in healthy adults. Physiol Behav. 2025;296:114914. doi:10.1016/j.physbeh.2025.114914

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  14. Shattock MJ, Tipton MJ. „Autonomic conflict“: a different way to die during cold water immersion? J Physiol. 2012;590:3219–30. doi:10.1113/jphysiol.2012.229864

  15. The effect of Capsaicinoids or Capsinoids in red pepper on thermogenesis in healthy adults: a systematic review and meta-analysis. PubMed-ID 33063385

  16. Sheikhhossein F et al. The effects of capsinoids supplementation on body composition and anthropometric measures. Clin Nutr ESPEN. 2022;52:381–94. doi:10.1016/j.clnesp.2022.09.021

  17. Martinez-Tellez B et al. No evidence of brown adipose tissue activation after 24 weeks of supervised exercise training in young sedentary adults (ACTIBATE). Nat Commun. 2022. doi:10.1038/s41467-022-32502-x

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  19. U Din M et al. Postprandial oxidative metabolism of human brown fat indicates thermogenesis. Cell Metab. 2018;28:207–16. doi:10.1016/j.cmet.2018.05.020

  20. Aita S et al. Brown fat-associated postprandial thermogenesis in humans. Front Nutr. 2022;9:1040444. doi:10.3389/fnut.2022.1040444

  21. O'Mara AE et al. Chronic mirabegron treatment increases human brown fat, HDL cholesterol, and insulin sensitivity. J Clin Invest. 2020;130:2209–19. doi:10.1172/JCI131126


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.


Ali Alhasan, Lebensmitteltechniker


Zuletzt geprüft am 12. August 2026

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