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Fernsehen und kleine Kinder: Was schadet und was nicht

Autorenbild: Ali M Alhasan
Ali M Alhasan
2. Sept.
13 Min. Lesezeit

Es ist Viertel vor sechs, das Abendessen ist nicht gekocht, und der Dreijährige quengelt seit zwanzig Minuten. Sie schalten „Paw Patrol“ ein, haben dreiundzwanzig Minuten Ruhe und ein schlechtes Gewissen dazu, weil irgendwo stand, dass Bildschirme kleine Kinder unaufmerksam machen.

Genau dieses schlechte Gewissen ist der Anlass für diesen Beitrag. Die Forschung sagt nämlich etwas anderes als die Schlagzeilen, und sie sagt es leiser. Manches, wovor gewarnt wird, ist gut belegt. Anderes hat sich bei genauerem Hinsehen aufgelöst und wird trotzdem weitererzählt.

Die deutsche Leitlinie empfiehlt für Kinder unter drei Jahren gar keine Bildschirmmedien und für Drei- bis Sechsjährige höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen, nur in Begleitung [2]. Diese Empfehlungen beruhen auf Expertenkonsens, nicht auf Interventionsstudien.
Tatsächlich schauen Zwei- bis Fünfjährige in Deutschland im Schnitt 67 Minuten Bewegtbild pro Tag [3].
Der am besten belegte Nachteil ist kein Schaden am Gehirn, sondern verdrängte Zeit: Läuft der Fernseher, hört ein Kleinkind pro Stunde rund 770 Erwachsenenwörter weniger [4].
Nicht das Tempo der Schnitte ist das Problem. Eine Meta-Analyse von 2025 fand für schnelle Schnittfolgen keinen belastbaren Effekt, wohl aber für unmögliche Ereignisse im Bild [10].
Dass Fernsehen ADHS verursacht, ist nicht belegt. Die Ursprungsstudie hielt einer Nachprüfung mit 848 Rechenmodellen nicht stand [12], und ADHS ist zu etwa 74 Prozent erblich [15].
Tierdokumentationen sind nicht automatisch die bessere Wahl: „Anna und die wilden Tiere“ wird pädagogisch erst ab sieben Jahren empfohlen [19].

Wie viel vor dem Bildschirm tatsächlich zusammenkommt

Bevor es um Wirkungen geht, lohnt ein Blick auf die Ausgangslage. Die miniKIM-Studie hat im September 2023 sechshundert Haupterziehende von Zwei- bis Fünfjährigen befragt [3]. Über alle Bewegtbildwege zusammen, also lineares Fernsehen, Streaming, Videoportale und Mediatheken, kommen 67 Minuten am Tag zusammen. Bei den Zwei- bis Dreijährigen sind es 62 Minuten, bei den Vier- bis Fünfjährigen 72.

Das klassische Fernsehprogramm macht davon nur eine Viertelstunde aus. Der Rest läuft über Netflix, YouTube und die Mediatheken der Sender. Wer heute über Fernsehen spricht, meint also meist etwas anderes als einen Sendeplatz.

Zwei Zahlen aus derselben Erhebung setzen das ins Verhältnis. Bücher: 37 Minuten am Tag. Und die befragten Eltern selbst verbringen 108 Minuten mit privater Internetnutzung und 70 Minuten mit sozialen Medien.

Die beliebteste Sendung der Zwei- bis Fünfjährigen ist „Paw Patrol“ mit 33 Prozent, gefolgt von „Peppa Wutz“ mit 18 Prozent. Vierzig Prozent der Eltern geben an, ihr Kind sehe überhaupt keine Wissenssendung.

Warum die Fachgesellschaften warnen

Evidenz: schwach

Es gibt zwei Bezugsgrößen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2019: für Säuglinge unter einem Jahr keine sitzende Bildschirmzeit, für Einjährige ebenfalls nicht, ab zwei Jahren höchstens eine Stunde am Tag, weniger ist besser [1]. Die deutsche S2k-Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin geht weiter: unter drei Jahren gar keine Nutzung, von drei bis sechs Jahren höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen und nur mit einem Erwachsenen im Raum [2].

Hier gehört eine Einordnung dazu, die in kaum einem Elternratgeber steht. Die deutsche Leitlinie ist eine S2k-Leitlinie. Das heißt: Die Empfehlungen sind Konsens einer Expertengruppe, nicht das Ergebnis einer systematischen Evidenzbewertung mit Empfehlungsgraden. Die Leitliniengruppe schreibt das selbst und begründet ihr Vorgehen mit dem Vorsorgeprinzip [2].

Zwei weitere Punkte aus demselben Dokument. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde eingeladen und entschied sich gegen eine Teilnahme. Und die Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention trägt die Leitlinie mit, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass die Empfehlungen fast ausschließlich am Elternverhalten ansetzen und dass nicht der Eindruck entstehen dürfe, Eltern seien allein verantwortlich [2].

Die Leitlinie wurde im Juli 2023 veröffentlicht, die nächste Überprüfung war für Juli 2026 geplant. Dieser Termin ist verstrichen; eine überarbeitete Fassung liegt nach meinem Recherchestand nicht vor, wohl aber eine neue Elternversion vom Juni 2026 [2]. Die Zahlen gelten also weiter, sind aber überprüfungsreif.

Der am besten belegte Nachteil ist verlorene Zeit

Evidenz: moderat

Wenn Sie sich nur einen Mechanismus merken, dann diesen: Die Stunde vor dem Bildschirm ist eine Stunde, in der nicht geredet, nicht geklettert und nicht mit den Händen gearbeitet wird. Fachlich heißt das Zeitverdrängung, und dafür gibt es die besten Daten.

Am eindrücklichsten ist eine Untersuchung, bei der 329 Kinder zwischen zwei Monaten und vier Jahren Aufnahmegeräte trugen, die zwölf bis sechzehn Stunden am Tag alles mitschnitten, was gesprochen wurde [4]. Pro Stunde hörbaren Fernsehens sprachen die Erwachsenen 770 Wörter weniger mit dem Kind (95-Prozent-Bereich 535 bis 1.004 Wörter), rund sieben Prozent weniger.

Gleichzeitig sank die Zahl der Laute des Kindes und die der Wechsel zwischen Kind und Erwachsenem. Der Fernseher muss dafür nicht angesehen werden. Es genügt, dass er läuft.

Passend dazu die größte Zusammenfassung zur Sprachentwicklung: 42 Studien mit 18.905 Kindern [5]. Mehr Bildschirmzeit ging mit schwächeren Sprachleistungen einher (r = −0,14), Hintergrundfernsehen deutlich stärker (r = −0,19). Diese Zahlen ehrlich übersetzt: Bildschirmzeit erklärt rund zwei Prozent der Unterschiede zwischen Kindern. Das ist wenig. Es ist trotzdem etwas, und es zeigt konsistent in dieselbe Richtung.

Warum Zweijährige vom Bildschirm weniger lernen

Es gibt einen zweiten, gut untersuchten Grund. Kleine Kinder übertragen Gesehenes schlecht von der Fläche in den Raum. Zeigt man einem Zweijährigen live, wie ein Puzzle zusammengesetzt wird, schafft er es. Zeigt man dasselbe im Video, schafft er es schlechter.

Eine Meta-Analyse fasste 122 Effektstärken aus 59 Arbeiten mit Kindern von null bis sechs Jahren zusammen [6]. Das mittlere Defizit lag bei etwa einer halben Standardabweichung. Bei Kindern unter 36 Monaten war es etwa dreimal so groß wie bei Kindern über drei Jahren. Bei Aufgaben, in denen ein verstecktes Objekt gefunden werden musste, betrug es g = −1,00, bei Nachahmungsaufgaben g = −0,58.

Die Autorinnen fügen selbst hinzu, dass Qualitätsprobleme und ein möglicher Publikationsbias den Effekt überschätzen könnten. Die Richtung ist dennoch klar und erklärt, warum Lernvideos für Einjährige nicht halten, was die Verpackung verspricht. Nicht das Kind ist zu langsam, sondern der Weg über die zweidimensionale Fläche ist für dieses Alter zu weit.

Was das Gerät im Hintergrund anrichtet

Der praktisch wichtigste Satz dieses Beitrags betrifft nicht das, was Ihr Kind schaut, sondern das, was daneben läuft. Hintergrundfernsehen ist in den Daten schlechter als bewusst ausgewählte Sendezeit [4, 5]. Ein Gerät, das nur nebenbei an ist, senkt das Sprachangebot über Stunden statt über Minuten, und es fällt niemandem auf, weil es sich nicht wie Bildschirmzeit anfühlt.

Schlaf: der schnellste Weg, auf dem sich Bildschirmzeit rächt

Evidenz: moderat

Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse hat 31 Arbeiten zu Kindern von null bis vier Jahren ausgewertet [7]. Ergebnis: Bildschirmzeit ging bei Säuglingen, Kleinkindern und Vorschulkindern mit schlechterem Schlaf einher. In der eigentlichen Meta-Analyse ließ sich der ungünstige Zusammenhang bei Säuglingen und Kleinkindern bestätigen, bei Vorschulkindern nicht.

Die Autoren stufen die Qualität der Evidenz insgesamt als sehr niedrig ein. Am belastbarsten war der Befund für abendliche Nutzung. Umgekehrt hing Bewegung, besonders draußen, günstig mit dem Schlaf zusammen.

Daraus folgt eine Regel, die wenig kostet und viel bringt: In der letzten Stunde vor dem Zubettgehen bleibt der Bildschirm aus, und im Schlafzimmer steht kein Gerät. Beides steht so auch in der Leitlinie [2].

Farben, Schnitte, Tempo: was davon zählt

Evidenz: Hinweise

Jetzt zu den vielen schnellen Reizen. Die Geschichte dazu ist ungewöhnlich lehrreich, weil sich die Forschung im Laufe von vierzehn Jahren selbst korrigiert hat.

2011 setzten Forscherinnen sechzig Vierjährige zufällig in drei Gruppen: neun Minuten schnelles Zeichentrick-Cartoon, neun Minuten ruhige Bildungssendung oder neun Minuten malen [8]. Danach lösten alle vier Aufgaben zur Selbststeuerung, darunter der klassische Belohnungsaufschub. Die Cartoon-Gruppe schnitt schlechter ab. Neun Minuten hatten gereicht.

Die Studie machte weltweit Schlagzeilen, meist unter der Überschrift, schnelle Schnitte überreizten Kindergehirne. Nur unterschieden sich die beiden Sendungen in mehr als im Tempo. Die schnelle war auch die, in der ein Schwamm unter Wasser wohnt.

Genau das prüfte dieselbe Arbeitsgruppe 2015 in drei weiteren Versuchen nach [9]. Im entscheidenden dritten Experiment mit achtzig Kindern wurden Tempo und Fantasie getrennt variiert. Nur die fantastischen Sendungen beeinträchtigten die exekutiven Funktionen, unabhängig davon, ob sie schnell oder langsam geschnitten waren.

2025 folgte die erste Meta-Analyse dazu [10]. Für das Tempo wurden 19 Studien mit 141 Effektstärken und 1.431 Kindern zwischen anderthalb und zehn Jahren zusammengefasst: kein statistisch bedeutsamer Gesamteffekt auf Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen. Für Fantasie, definiert als Ereignisse, die physikalisch unmöglich sind, wurden 16 Studien mit 121 Effektstärken und 1.297 Kindern ausgewertet: ein signifikanter negativer Effekt, allerdings kein großer, bei erheblicher Streuung zwischen den Studien.

Einzelne Studien fanden sogar bessere Leistungen nach fantastischen Inhalten. Innerhalb der Tempo-Auswertung zeigte sich ein Detail: Aufmerksamkeit und Impulskontrolle waren stärker betroffen als komplexere Fähigkeiten wie Planen. Wer sein Kind nach einem hektischen Cartoon schwerer ansprechbar erlebt, bildet sich das also nicht ein.

Meine Einordnung, und ich kennzeichne sie als solche: Diese Befunde taugen nicht für ein Verbot. Es sind Laborversuche über Minuten, die Kinder durften sich die Sendung nicht aussuchen, und der Effekt gilt als kurzlebig. Die Erstautorin der Meta-Analyse sagt selbst, man solle daraus nicht ableiten, Fantasie in Kindermedien sei schlecht [10].

Vor allem aber wäre der Ratschlag unbrauchbar. Sprechende Hunde, sprechende Schweine, ein Feuerwehrauto mit Gesicht: Die drei beliebtesten Sendungen deutscher Kleinkinder enthalten alle unmögliche Ereignisse [3]. Fantasie aus dem Kinderprogramm zu streichen hieße, das Kinderprogramm zu streichen.

Was bleibt, ist eine schwächere, brauchbare Version: Wenn Sie ohnehin wählen, wählen Sie das Ruhigere und Näherliegende. Und legen Sie den Film nicht direkt vor eine Situation, in der Ihr Kind sich zusammennehmen soll.

Verursacht Fernsehen ADHS?

Evidenz: schwach

Diese Behauptung hat einen genau datierbaren Ursprung. 2004 wertete eine Arbeitsgruppe Daten einer großen US-Längsschnittstudie aus und fand: Pro Stunde täglichen Fernsehens im Alter von einem und von drei Jahren stieg die Wahrscheinlichkeit für Aufmerksamkeitsprobleme mit sieben Jahren um den Faktor 1,09 [11]. Das Ergebnis ging um die Welt; der Erstautor erklärte in einem viel gesehenen Vortrag, zwei Stunden täglich vor dem dritten Geburtstag erhöhten das Risiko um zwanzig Prozent.

2021 nahmen sich drei Forscher denselben Datensatz noch einmal vor [12]. Ihr Gedanke: Wenn ein Zusammenhang echt ist, muss er auch dann sichtbar bleiben, wenn man die Daten auf andere vertretbare Weise auswertet. Sie rechneten 848 Modelle mit 2.108 Kindern, mit verschiedenen Grenzwerten für ein Aufmerksamkeitsproblem, verschiedenen Umgangsweisen mit fehlenden Werten, linearer Regression und Propensity-Score-Verfahren.

Von 848 Modellen ergaben 166 einen signifikanten Zusammenhang, also 19,6 Prozent. Unter den Modellen, die die Autoren methodisch für die saubersten hielten, waren es 21 von 440, also 4,8 Prozent. Das ist ungefähr die Quote, die man bei reinem Zufall erwartet. Ihr Fazit: Die Daten liefern keinen überzeugenden Beleg für einen schädlichen Effekt auf die Aufmerksamkeit.

Was bleibt, ist ein Zusammenhang, keine Ursache. Eine Meta-Analyse über 45 Studien fand zwischen Mediennutzung und ADHS-typischem Verhalten eine Korrelation von r = 0,12 [13], also etwa anderthalb Prozent erklärte Varianz. Eine systematische Übersicht von 28 Längsschnittstudien kommt zu dem Schluss, dass die Beziehung in beide Richtungen läuft: Kinder mit ADHS-Symptomen entwickeln eher eine problematische Mediennutzung, und die Zusammenhänge sind für problematische Nutzung konsistenter als für reine Bildschirmzeit [14].

Dazu die Größenordnung, um die es geht. Über 37 Zwillingsstudien liegt die Erblichkeit von ADHS im Mittel bei 74 Prozent [15]. Die internationale Konsensusarbeit von 80 ADHS-Forschenden formuliert es so: In den meisten Fällen entsteht ADHS durch das Zusammenwirken vieler genetischer und umweltbedingter Risiken [16]. Ein Cartoon ist in dieser Rechnung kein relevanter Posten.

Am Rand sei vermerkt: Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS von 2018 war seit Mai 2022 abgelaufen und wurde 2026 in einer überarbeiteten Version neu vorgelegt [20]. Wer zu ADHS recherchiert, sollte auf diese aktuelle Fassung achten.

Sind Tierdokumentationen die besseren Filme?

Evidenz: schwach

Hier muss ich Sie enttäuschen, und zwar in beide Richtungen. Es gibt keine Studie, die Tierdokumentationen mit Zeichentrickfilmen bei Vorschulkindern vergleicht. Wer Ihnen dazu eine Zahl nennt, hat sie nicht aus der Literatur.

Zwei indirekte Hinweise sprechen für realistische Inhalte. Erstens die Fantasie-Meta-Analyse: Realistische Sendungen ließen die Selbststeuerung unmittelbar danach besser dastehen als unmögliche Ereignisse [10]. Zweitens die Sprachdaten: Als Bildungsprogramm eingeordnete Inhalte hingen positiv mit den Sprachleistungen zusammen (r = 0,13) [5].

Und doch ist die pädagogische Praxis skeptischer als erwartet. Der Elternratgeber FLIMMO, herausgegeben vom Verein Programmberatung für Eltern e. V. und redaktionell vom JFF betreut, empfiehlt „Anna und die wilden Tiere“ ab sieben Jahren [19]. Der Grund liegt nicht am Thema, sondern am Format: 25 Minuten, viele Ortswechsel, hohe Informationsdichte, kein durchgehender Handlungsbogen, an dem sich ein Vierjähriger festhalten kann.

Eine Dokumentation für Erwachsene wie eine Produktion von National Geographic setzt noch mehr voraus und enthält regelmäßig Jagd- und Sterbeszenen, die kleine Kinder überfordern. Die miniKIM-Daten passen dazu: Vierzig Prozent der Eltern geben an, ihr Kind sehe gar keine Wissenssendung. Die Studienautoren vermuten, dass klassische Wissensformate für Jüngere oft zu komplex sind und sich eher an Kinder ab fünf richten [3].

Was für Kleinkinder funktioniert, sind niederschwellige Formate mit kurzen, abgeschlossenen Einheiten und ruhiger Erzählweise. Erst im Grundschulalter wird die Tierdokumentation zu dem, was Sie sich davon versprechen.

Woran Sie einen guten Kinderfilm erkennen

Evidenz: moderat

Was in den Daten tatsächlich einen Unterschied macht, ist überschaubar. Am klarsten belegt ist nicht ein Merkmal des Films, sondern eines der Situation: dass jemand mitschaut. Gemeinsames Anschauen hing in der Sprach-Meta-Analyse positiv mit den Sprachleistungen zusammen (r = 0,16) [5].

Eine Meta-Analyse aus 17 Studien mit 1.288 Kindern von null bis sechs Jahren fand für das gemeinsame Nutzen einen kleinen, aber signifikanten Vorteil beim Lernen (g = 0,198; 95-Prozent-Bereich 0,059 bis 0,337) [17]. Klein heißt hier wirklich klein, und die Autoren nennen kleine Stichproben und wenig Designvielfalt als Einschränkung.

Dass gutes Kinderfernsehen etwas beitragen kann, zeigt der am besten untersuchte Fall überhaupt. Eine Meta-Analyse von 24 Studien mit über 10.000 Kindern in fünfzehn Ländern fand für internationale Ko-Produktionen der „Sesamstraße“ einen positiven Gesamteffekt auf Lernergebnisse von d = 0,29 (0,20 bis 0,39) [18]. Bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status war er größer (d = 0,41). Das entspricht einem Zuwachs von etwa zwölf Prozentpunkten in der Rangfolge.

Kriterium

Warum

Woran erkennbar

Jemand schaut mit

Bestbelegter Hebel für Sprache und Lernen [5, 17]

Sie können hinterher zwei Fragen zum Film stellen

Kurze, abgeschlossene Einheiten

Passt zur Aufmerksamkeitsspanne, erleichtert das Beenden

Folgen von 5 bis 15 Minuten, kein Cliffhanger

Ruhig und nah an der Alltagswelt

Realistische Inhalte belasten die Selbststeuerung weniger [9, 10]

Wenige Ortswechsel, nachvollziehbare Handlung

Werbefrei

Ausdrückliche Leitlinienempfehlung [2]

Öffentlich-rechtliche Mediatheken, Kinderprofile

Altersempfehlung eingehalten

Leitlinie: im Zweifel höheres Einstiegsalter wählen [2]

FLIMMO, FSK, Angaben der Sender [19]

Kein Autoplay

Verhindert, dass aus einer Folge fünf werden

Automatische Wiedergabe in den Einstellungen ausschalten

Vier Punkte aus der Leitlinie ergänzen das und sind praktisch wichtiger als jede Sendungsauswahl [2]: Bildschirmmedien nicht als Belohnung, Bestrafung oder Beruhigungsmittel einsetzen. Nicht während der Mahlzeiten. Nicht in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen. Und Geräte nach Gebrauch wegräumen, statt sie sichtbar liegen zu lassen.

Alter und Dauer: die Zahlen im Überblick

Alter

WHO 2019 [1]

Deutsche Leitlinie 2023 [2]

unter 1 Jahr

keine sitzende Bildschirmzeit

keine Nutzung, auch nicht passiv

1 bis 2 Jahre

nicht empfohlen

keine Nutzung, auch nicht passiv

2 Jahre

höchstens 1 Stunde, weniger ist besser

keine Nutzung

3 bis 6 Jahre

höchstens 1 Stunde, weniger ist besser

höchstens 30 Min. an einzelnen Tagen, begleitet

6 bis 9 Jahre

keine Angabe in dieser Leitlinie

30 bis 45 Min. an einzelnen Tagen

Der Abstand zwischen diesen Zahlen und den gemessenen 67 Minuten [3] ist groß. Er lässt sich als Versagen lesen oder als Hinweis darauf, dass die Empfehlungen für viele Familien nicht alltagstauglich formuliert sind. Beides ist vertretbar. Wichtiger als das Erreichen einer Zielzahl ist die Richtung: weniger als jetzt, später als jetzt, begleiteter als jetzt.

Ein Nebenaspekt, der oft untergeht: Naharbeit und wenig Zeit im Freien gelten als Risikofaktoren für Kurzsichtigkeit, deren Häufigkeit weltweit schneller steigt als die jeder anderen Augenerkrankung [2]. Der Nachmittag draußen wirkt hier in zwei Richtungen gleichzeitig.

Kurz beantwortet


Mein Kind hat mit zwei Jahren schon viel geschaut. Ist etwas verloren?

Nein. Die berichteten Zusammenhänge sind statistische Mittelwerte über Tausende Kinder und erklären wenige Prozent der Unterschiede [5, 13]. Aus keiner dieser Arbeiten folgt eine Aussage über ein einzelnes Kind. Was zählt, ist, wie es ab jetzt weitergeht.


Sind Hörspiele die bessere Alternative?

Sie umgehen zumindest das Übertragungsproblem von der Fläche in den Raum. In der miniKIM-Erhebung liegen Musikboxen mit 38 Minuten am Tag inzwischen vor dem Buch [3]. Untersucht sind sie deutlich schlechter als Bildschirmmedien, weshalb ich hier keine Wirkaussage treffe. Vorgelesen bekommen ist der einzige Weg, für den die WHO ausdrücklich einen Nutzen für die kognitive Entwicklung nennt [1].


Ist ein Videotelefonat mit den Großeltern auch Bildschirmzeit?

Fachlich wird es getrennt betrachtet, weil ein echtes Gegenüber antwortet. Die WHO-Empfehlungen beziehen sich auf sitzende Bildschirmzeit wie Fernsehen und Spiele [1]. Die deutsche Leitlinie zieht diese Grenze für Kinder unter drei nicht ausdrücklich [2]. Als Vorbehalt gilt: Kleine Kinder profitieren von Videochats vor allem dann, wenn die Person am anderen Ende auf sie eingeht.


Woran merke ich, dass es zu viel ist?

Die Leitlinie nennt Warnzeichen, die auch einzeln zählen [2]: Das Beenden fällt schwer. Bildschirmmedien sind das Einzige, was zu motivieren scheint. Das Kind ist frustriert, wenn es nicht schauen darf. Es fehlen andere altersgemäße Beschäftigungen und Kontakte zu anderen Kindern. Trifft mehreres zu, ist das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis der nächste Schritt.

Fazit

Die ehrliche Antwort auf die Frage, ob Fernsehen kleinen Kindern schadet, lautet: Fernsehen an sich ist kein Giftstoff mit Dosis-Wirkungs-Kurve. Was messbar Nachteile bringt, ist die Zeit, die dabei für Sprache, Bewegung und Zuwendung verloren geht. Am deutlichsten unter drei Jahren, am deutlichsten bei einem Gerät, das nebenbei läuft, und am deutlichsten am Abend. Die spektakuläreren Behauptungen, allen voran die zu ADHS, halten der Nachprüfung nicht stand.

Wenn Sie diese Woche eine Sache ändern wollen, dann nicht die Sendung. Schalten Sie den Fernseher aus, wenn niemand hinschaut, und lassen Sie die letzte Stunde vor dem Zubettgehen bildschirmfrei. Das sind die beiden Stellen, an denen die Datenlage am stabilsten ist und der Aufwand am geringsten.


1. World Health Organization. Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age. Genf 2019. who.int/publications/i/item/9789241550536

2. DGKJ u. a. S2k-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, AWMF-Register-Nr. 027-075, Version 1.0, 15.07.2023, nächste Überprüfung geplant 07/2026. AWMF 027-075

3. Feierabend S, Glöckler S, Kieninger J, Gerigk Y, Rathgeb T. Mediennutzung von Kleinkindern. Ergebnisse der miniKIM-Studie 2023. Media Perspektiven 37/2024. miniKIM 2023

4. Christakis DA, Gilkerson J, Richards JA, et al. Audible television and decreased adult words, infant vocalizations, and conversational turns. Arch Pediatr Adolesc Med. 2009;163(6):554–558. PMID 19487612

5. Madigan S, McArthur BA, Anhorn C, Eirich R, Christakis DA. Associations between screen use and child language skills: a systematic review and meta-analysis. JAMA Pediatr. 2020;174(7):665–675. 10.1001/jamapediatrics.2020.0327

6. Strouse GA, Samson JE. Learning from video: a meta-analysis of the video deficit in children ages 0 to 6 years. Child Dev. 2021;92(1):e20–e38. 10.1111/cdev.13429

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19. FLIMMO, Programmberatung für Eltern e. V. (Durchführung: JFF – Institut für Medienpädagogik), Besprechung „Anna und die wilden Tiere“, Altersempfehlung ab 7 Jahren. FLIMMO-Besprechung

20. S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, AWMF-Register-Nr. 028-045; Fassung von 2018 abgelaufen am 01.05.2022, Version 2.0 im Jahr 2026 vorgelegt. AWMF 028-045


Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Bei Sorgen um die Entwicklung Ihres Kindes ist die kinderärztliche Praxis die richtige Adresse; ein Verdacht auf ADHS gehört fachärztlich abgeklärt und lässt sich nicht über das Medienverhalten beurteilen.


Ali Alhasan, Lebensmitteltechniker


Zuletzt geprüft am 20. August 2026

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